Über die Hintergründe zum Ölpreis-Desaster und wie es weitergeht


Nicht nur eine drohende Rezension sorgte für den Einbruch des Ölpreises, sondern auch ein Angriff Russlands auf die amerikanische Fracking-Industrie, so die Einschätzung von Norbert Hagen dem Vorstandsvorsitzenden der ICM Investmentbank. Er schätzt dieser könnte erfolgreicher ausfallen als geglaubt.



Der Ölpreis ist erfahrungsgemäß vergleichsweise preisunelastisch. Bei einem kleinen Überangebot gerät die Notierung schon unter Druck. Genau das ist derzeit der Fall. Auf der ganzen Welt werden pro Tag 100,5 Millionen Barrel produziert. Dagegen steht eine Nachfrage von etwas weniger als 100 Fass. Da sich die Opec+ bis heute auf keine Förderkürzung einigen kann befürchten die Teilnehmer am Ölmarkt jetzt eine Ausweitung des Überangebots.


Zwei Stellschrauben sind im wesentlichen für die Entwicklung des Ölpreises verantwortlich: Zum einen die amerikanische Fracking-Industrie und zum anderen die Nachfrage aus China. Darüber hinaus sind die Produzenten von Schieferöl Russland ein Dorn im Auge. Im Gegensatz zur Opec+ sind diese nicht reguliert. Auf den Punkt gebracht heißt das, dass die amerikanischen Onshore-Ölproduzenten in der Vergangenheit die Welt zunehmend mit Öl überschwemmt haben. Sie produzieren mittlerweile mehr als 10 Prozent des angebotenen Öl`s.


Der durch Russland verursachte Preissturz soll genau auf die amerikanischen Fracking-Unternehmen zielen. Einfach ausgedrückt soll die ungeliebte Konkurrenz möglichst aus dem Weg geschafft werden. Das wäre durchaus im Bereich des Machbaren.

Die Schieferöl-Produzenten haben variable Kosten von etwa 40 bis 50 Dollar je Fass. Das bedeutet, dass sie derzeit defizitär arbeiten. Darüber hinaus spielt die hohe Verschuldung der entsprechenden Unternehmen eine große Rolle. Diese Unternehmen hatten schon vor dem Scheitern des Opec+-Treffens zunehmend Schwierigkeiten, notwendige Anschlussfinanzierungen zu bekommen.


Auch zu beachten ist das sich angesichts der Corona-bedingten Risikoaversion immer mehr Investoren zurückhalten in Probebohrungen zu finanzieren. Kurz gesagt den Fracking-Unternehmen fehlt damit viel Geld, um neue Vorkommen zu explorieren und zu erschließen. Denn die erwirtschafteten Mittel brauchen sie zur Bedienung von Zinsen und für Tilgungen. Laut des Ölservice-Unternehmens Baker Hughes beläuft sich die Zahl der sogenannten Rigs für Probebohrungen in den USA derzeit nur noch auf 793. Dazu zum Vergleich: Das waren 290 oder über ein Viertel weniger als Anfang 2019. Wenn es hier zu einer Pleitewelle kommt, würde dies die Rezessionssorgen weiter in die Höhe treiben.


Die chinesische Wirtschaft fährt im Gegenzug wieder hoch


Zur gleichen Zeit scheint sich allerdings die Lage in der Volksrepublik schon wieder zu beruhigen. Laut Aussagen der Statistikbehörde haben mehr als 90 Prozent der mittleren und großen Betriebe die Arbeit wieder aufgenommen. Diese Entwicklung ist für die Nachfrage nach dem Öl entscheidend. Denn der asiatisch-pazifische Raum, mit China als größter Volkswirtschaft, verbraucht deutlich mehr als 30% der weltweiten Ölproduktion.


Die Hintergründe und wie es weitergeht


Auch wenn man den offiziellen Angaben Pekings nicht trauen möchte sind die Aussagen westlicher Unternehmen der selben Meinung und weisen in dieselbe Richtung.


BMW-Chef Oliver Zipse: „In China haben 450 von 500 Händlern schon wieder geöffnet und mit der Produktion Mitte Februar wieder angefangen.


Nachrichtenagentur Bloomberg: „Wir schätzten, dass Anfang März die Produktionsauslastung in China insgesamt schon wieder bei 60 bis 70 Prozent lag. Und sie dürfte in den kommenden Wochen weiter steigen. Denn nach Angaben von BCA Research übertreffen die Auftragseingänge derzeit deutlich die Produktion.“


Der wesentlicher Grund für das Hochfahren der chinesischen Industrie ist die zunehmende Lockerung der Reisebeschränkungen. Mehr als 20 Provinzen haben mittlerweile den Alarmstatus wieder um ein oder zwei Stufen gesenkt. Damit können Millionen von Wanderarbeitern schrittweise wieder an die Arbeitsstätten zurückkehren.

Peking versucht mit Macht die Wirtschaft wieder in Gang zu bringen um das Ziel des Wirtschaftswachstums in diesem Jahr von rund 6 Prozent einzuhalten. Mit diesem Ziel will Peking das Pro-Kopf-Einkommen in diesem Jahr gegenüber 2010 verdoppeln. Diese Vorgabe stammt immerhin von der Kommunistischen Partei selbst. Die westlichen Industrieländer werden auch versuchen, durch verschiedene geldpolitische und fiskalische Maßnahmen die Konjunktur zu stützen. Den Anfang machte die Fed mit ihrer Zinssenkung im März.


Fast keine Neuinfizierte mehr


Zur Normalisierung in der Volksrepublik trägt der Umstand bei, dass dort mittlerweile sehr viel weniger Menschen von dem Corona-Virus neu befallen werden als noch vor wenigen Tagen. Wenn man diesen Verlauf der Epidemie auf die westlichen Industrieländer überträgt, könnte hier der Höhepunkt zwischen Mitte April und Mitte Mai erreicht werden.


Fazit:

Mit dieser Entwicklung wären dann die schlimmsten wirtschaftlichen Corona-Folgen schon im zweiten Quartal ausgestanden. Daraus kann man schließen, dass die Nachfrage nach Öl erstens nur temporär und zweitens möglicherweise auch nicht so stark einbrechen wird wie derzeit befürchtet. Dazu kommt noch, wenn immer mehr amerikanische Schieferöl-Produzenten Insolvenz anmelden müssen und gleichzeitig die guten Nachrichten aus China die schlechten übersteigen wird der Ölpreis wieder steigen. Besonders dann, wenn sich die Ängste vor einer Rezession als übertrieben erweisen. Dafür könnte sich die Phase Ende 2018 und Anfang 2019 als Blaupause erweisen.



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